Geschichte zum Plakat

Die Plakatgeschichte

Théophile-Alexandre Steinlen, Mothu et Doria, Frankreich, 1893

Théophile-Alexandre Steinlen,
Mothu et Doria,
Frankreich, 1893

Großstädte wirkten am Ende des 19. Jahrhunderts eher trüb. Große Farbflächen sah man nur sonntags – in der Kirche. So wurden die großformatigen und bunten Affichen, wie sie zuerst in Paris auftauchten, stürmisch als Sensation begrüßt. Es dauerte nur wenige Augenblicke bis die ersten begeisterten Sammler Plakate von den Wänden entfernten und „gesichert“ hatten. Deutschland erreichte die Kunde über die neuartigen Plakate auf privatem Wege, z.B. durch Handelsreisende.

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Die neue, farbige Sensation

Anfänge bis 1914

Als einer der bedeutendsten und wichtigsten privaten Plakatsammler jener Anfangsjahre gilt Hans Sachs.

Lucian Bernhard (Emil Kahn), Verein der Plakatfreunde, Deutschland, 1910

Lucian Bernhard (Emil Kahn),
Verein der
Plakatfreunde,
Deutschland, 1910

Er gründete nicht nur den „Verein der Plakatfreunde“ (1905-1922) und trug die größte und inhaltlich wichtigste private Plakatsammlung zusammen, sondern wurde zugleich auch zum wichtigsten Publizisten in Sachen Plakat. Speziell mit der Zeitschrift „Das Plakat“ (1910-1921) förderte er die Entwicklung des Plakats und hinterließ eines der wichtigsten Zeugnisse der Plakatentwicklung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts; sicherlich auch einer der Vorbilder für das Wirken des Deutschen Plakat Forums e.V.

Eugène Grasset, Jeanne d‘Arc, Frankreich, 1889/90

Eugène Grasset,
Jeanne d‘Arc,
Frankreich, 1889/90

Auch die Museen dieser Zeit waren nun gefordert, die Entwicklung des Plakats zu dokumentieren. Dies geschah zunächst zögerlich, und es sollte einigen wenigen Institutionen vorbehalten bleiben, z.B. Ausstellungen zum Thema Plakat zu publizieren, so dem Museum für Kunst und Gewerbe, welches 1893 mit dem Sammeln von Plakaten begonnen hatte. Mit Anfängen bereits im Jahre 1896, besonders ab ca. 1905 zeichnete sich erstmals eine von der Malerei jener Jahre losgelöste und auf die Aufgabe des Plakats konzentrierte Gestaltung ab.

1914–1918

Walter Whitehead, Come On! Buy More Liberty Bonds, USA, 1918

Walter Whitehead,
Come On! Buy
More Liberty Bonds,
USA, 1918

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach diese Entwicklung, brachte aber ein neues Thema ins Plakat: Politik und (Kriegs-) Propaganda waren bisher nicht gestattet, fanden aber nun auf dem Plakat den Weg in die Öffentlichkeit. Für die Sammlung u.a. dieser neuen Gattung von Plakaten wurde der Verein „Deutsche Kriegssammlungen e.V.“ gegründet.

blacky-pixblacky-pix1919–1933

B. Namir (Boris Steinmann), Emil und die Detektive, Deutschland, 1931

B. Namir (Boris Steinmann),
Emil und die Detektive,
Deutschland, 1931

Während der Zeit der Weimarer Republik durchlebte das Plakat in kürzester Zeit wahre Innovationsschübe. Aufgenommen und adäquat für das Plakat fanden viele Entwicklungen jener Jahre auch Eingang in das Plakat. Expressive Arbeiten wurden verdrängt von dekorativen und sachlichen Plakaten.

Die Typographie wurde zum gestalterischen Ideenträger, kurzum: Die Veränderung der Plakatlandschaft war enorm; das politische Plakat zeigte sich in visueller Brutalität. Erste Kampagnen und die Anfänge des Corporate Design wiesen in eine Richtung, die dem Plakat seine Monopolstellung nehmen würde.

Die NS-Zeit – Die Plakatzeit

1933–1945

Sidney H. Riesenberg, Over The Top For You, USA, 1917

Sidney H. Riesenberg,
Over The Top
For You,
USA, 1917

Während der NS-Zeit wurden auch Plakatgestalter Opfer von Verfolgung, Sammlern wurde ihr Lebenswerk entrissen, so etwa die des bereits erwähnten Hans Sachs. Die Gestaltung der Plakate geriet ebenfalls unter die ideologische Vorherrschaft der NS-Herrscher (Gleichschaltung) und zum wichtigsten Propagandamittel. Mit Kriegsausbruch 1939 brutalisierte sich auch das Erscheinungsbild des Plakats. Durchhaltepropaganda markierte dann das nahende Ende.

blacky-pixblacky-pix1945–1989

Mit Ende des Kriegs wurden Deutschland und Europa in zwei große Blöcke geteilt. Die gegensätzliche Entwicklung in den Ost- und Westländern (Kalter Krieg) schlug sich u.a. auch in der Plakatentwicklung nieder. Im Osten lenkte das Diktat von der Kunst des sozialistischen Realismus die Gestaltung mit Anleihen aus den 1930er-Jahren, während man im Westen an die Vielfalt der Entwicklungen in den 1920er-Jahren anschloss.

Herbert Leupin, Coca-Cola, Deutschland, 1953

Herbert Leupin,
Coca-Cola,
Deutschland,
1953

Auf Grund der staatlichen Trennung wurden dann viele Sammlungen nicht nach Sinn und Verstand, sondern ausschließlich nach politischer Zugehörigkeit des Standorts zusammengefasst. So wurden erneut Zusammenhänge zerrissen. Das Plakat galt nicht mehr als Sammelgegenstand.

Mit der massenweisen Verbreitung des Fernsehens seit Ende der 1950er-Jahre geriet der gesamte Werbemedienmarkt in Bewegung, und eine Diskussion über alte und neue Medien und deren Werbewirksamkeit entfachte. Viele glaubten schon das Ende des Plakats verkünden zu können. Ab den 1960er-Jahren waren es dann Historiker, die das Plakat als Quelle umfassender historischer Erkenntnisse und als Träger konkreten ästhetischen Bewusstseins entdeckten. So wurden die Krefelder Ausstellung „Die Jugend der Plakate“ (1963) und das Buch „Das deutsche Plakat. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (1965) zur Initialzündung für eine neue Plakatrezeption. Außerdem kam es im Jahre 1968 zur Gründung des ersten nationalen, das des polnischen Plakatmuseums.

István Orosz, Comrades, it‘s over!, Ungarn, 1989

István Orosz,
Comrades,
it‘s over!,
Ungarn,
1989

Stephan Bundi, Carmen, Schweiz, 2004

Stephan Bundi,
Carmen,
Schweiz,
2004

Das Interesse an Plakaten wuchs wieder. Ende der 1960er-Jahre griff das psychedelische Plakat zurück auf Anleihen aus dem Jugendstil. In den 1970er-Jahren fing auch der Kunstmarkt an, das Plakat zu entdecken. Erste Galerien und Auktionshäuser begannen – zunächst in New York und Paris – Plakate zu handeln. Die ersten hohen Preise wurden für Plakate der Wiener Secession erzielt. Die erste reine Plakatauktion fand 1983 in Deutschland bei Ketterer in München statt, 1986 begann das Unternehmen Jörg Weigelt Auktionen in Hannover mit seinen Aktivitäten. Derzeit finden jährlich ca. 50 Plakatauktionen in Europa und den USA statt, darunter in den bekannten Auktionshäusern Sotheby‘s und Christie’s in London, Paris, New York und Berlin.

Das heutige Plakat

Das Plakat hat heutzutage einen unumstrittenen Platz im Werbemittelgefüge. Die Einsatzmöglichkeiten haben sich erweitert. Hintergrundbeleuchtete Plakate strahlen durch die Nacht; drehende Litfaßsäulen unterhalten den eiligen Autofahrer bei roter Ampel. MegaLights zeigen im Wechsel große hinterleuchtete Plakate; digitale Varianten flimmern auf Großbildschirmen in U-Bahnhöfen. Im Internet kann man sich über Plakataktivitäten informieren, aber die klassische Innovation von Plakaten findet schon lange nicht mehr in diesen durchstrukturierten Werbelinien statt. Plakate für kulturelle Veranstaltungen haben sich die Gestaltungsfreiheit der Glanzzeit des Plakats erhalten und werden auch immer noch intensiv gesammelt.

Litfaßsäulen- reklame für den Film „Ich – Einfach Unverbesserlich“, Deutschland, 2010 ©Universal Pictures International Germany

Litfaßsäulenreklame für den
Film „Ich – Einfach Unverbesserlich“,
Deutschland, 2010
©Universal Pictures International Germany

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